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Text- und Fotoarchiv für Erfurt von Susanne Kay

Der Hirschgarten im Wandel

Statthalter Warsberg reißt ab und setzt Rotwild aus

Die kleinen Häuser gegenüber mit ihren neugierigen Bewohnern wurden Statthalter Warsberg zur Last, von der er sich befreien wollte. Aus den Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt aus dem Jahr 1929 geht weiter hervor, dass Warsberg in einer Eingabe an die Kurfürstliche Kammer auf die unangenehme Nachbarschaft und die damit verbundene Feuergefahr für die Statthalterei hingewiesen haben soll. Der Freiherr verband sein Klagen mit dem Ersuchen, die Häuser abzureißen.

Hirschgarten

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Nach seinem Amtsantritt 1732 ließ er nach und nach Gebäude der ihn so störenden engen Bebauung an der Regierungsstraße, früher Vitigasse, aufkaufen und abreißen. Der wohlhabende Statthalter finanzierte den Abriss der mittelalterlichen Häuser gar teilweise mit eigenen Mitteln. Es verschwanden unter anderem die Häuser Zum kleinen Falkenstein, das Salzkärrner-Häuschen, die Häuser Zur schwarzen Gabel und Güldenen Henne, das Haus Zum Christoffel oder der große Biereigenhof Zum Granatapfel. Weitere sechs abgerissene Häuser nebst Gärten befanden sich an der Lohbank, der heutigen Neuwerkstraße. Bis 1740 entstand ein freier Platz vor der Statthalterei. Genauso hatte es Anselm Franz Ernst Freiherr von Warsberg angestrebt: Ein repräsentatives Umfeld vor seinem Amts- und Wohnsitz zu schaffen. Der Platz wurde eingezäunt und mit Bäumen bepflanzt. Fortan hieß das Areal Hirschgarten. Eine Theorie zur Namensgebung wird auf das Rotwild zurückgeführt, das den neuen Platz belebte. Ebenfalls 1740 entstanden die beiden Wachhäuschen vor der Statthalterei. Warsberg starb 1760 und wurde in der Wigbertikirche beigesetzt.

Statthalter Dalberg schafft botanischen Garten mit Flora-Tempel

Es war der letzte kurmainzische Statthalter Dalberg, der 1780 das Rotwild abschaffte und den Hirschgarten in die erste öffentliche Grünanlage der Stadt verwandelte. Den Promenadengarten gestaltete er 1798 in einen botanischen Garten um, indem er eine Baumreihe entfernte und einen runden Platz schuf, auf dem heimische Pflanzen wuchsen. Bei jeder Art steckte ein Nummernstab. Auf dem Platz befand sich ein marmorner Säulenstumpf. Darauf befand sich in einer Blechkapsel in Form eines Buches ein Exemplar der Erfurtischen Flora von Nonne. Dieses Buch gab über die nummerierten Pflanzen im Garten Auskunft. Im Hintergrund des Gartens stand der steinerne Tempel der Flora mit drei Eingängen. Er enthielt eine Bildsäule der Blumengöttin von Bildhauer Döll aus Gotha. An den Wänden befanden sich Brustbilder der vier berühmten Botaniker Kniphof, Reichardt, Dietrich und Planer. Der Tempel wurde abends mit bunten Glaskugeln beleuchtet, die im Inneren ein magisches Licht erzeugten. Dalberg trug die Kosten von 1500 Taler für die Anlage.

Kriegerdenkmal und Götterstatuen aus dem Schlosspark Molsdorf

Am 22. März 1876 wurde auf dem Gelände ein Denkmal zu Ehren der Opfer des Deutschen Krieges 1866 und des Deutsch-Französischen Krieges 1870 und 1871 eingeweiht. Das 15 Meter hohe Kriegerdenkmal war Ziel der Kritik, da sein Charakter nicht Gedenken, sondern Siegerkult zum Ausdruck brachte. Das Denkmal wurde 1947 abgerissen. Die Preußen erhielten den Garten als öffentliche Parkanlage, die mit Statuen von Göttern aus dem versammelten Olymp versehen war. Die Sandsteinstatuen stammten aus dem Schlosspark Molsdorf. 1956 wurde anstelle des Kriegerdenkmals ein Springbrunnen errichtet.

Hirschgarten

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Zwischen 1937 und 1945 hieß der Hirschgarten Platz der SA, von 1945 bis 1991 Platz der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft. Die Thüringer Neueste Nachrichten berichtet 1967 in ihrer Reihe Nummer 14 der Historischen Spaziergänge durch Erfurts Parkanlagen: “Es ist eine Verpflichtung, ihn im Zeichen dieser Freundschaft als eine Stätte friedlicher gärtnerischer Arbeit zu erhalten, die dem Namen der Blumenstadt alle Ehre macht“.

Müller’s Haus der Kultur

Eine fatale Entscheidung „zur sozialistischen Umgestaltung“ des Areals am Hirschgarten fällte Anfang der 80er Jahre Gerhardt Müller. Der damalige Chef der SED-Bezirksleitung entschied, dass das Haus der Kultur zwischen Eichenstraße und Regenbogengasse gebaut werden sollte. Die Folgen dieses Beschlusses waren noch bis 2008 als „Das Loch“ sichtbar. Ab Frühjahr 1986 wurde das verbliebene Karree der Mittelalterbebauung abgerissen. Auch das westliche Wachhäuschen musste dem Bauvorhaben weichen. In der Ausgabe Nummer 1 von 1987 berichtet das Blatt Konkret: „Vor Ort haben die Kollegen vom STK bereits die Spundwände geschlagen sowie die Baugrube ausgehoben.“ Das Projektierungskollektiv stand unter der Leitung des Nationalpreisträgers Erich Göbel, der als Komplexarchitekt wirkte. In Konkret wird das Haus der Kultur als „der bedeutsamste Gesellschaftsbau unseres Bezirkes in den Jahren bis 1990“ bezeichnet. Der 15 Meter hohe Große Saal sollte 1500 Menschen Platz bieten: „Das fest eingebaute moderne und bequeme Gestühl ist so geordnet, dass von jedem Platz eine gute Sicht zum Podium möglich ist. Es wurde ein Podium entworfen, das in den Zuschauerraum integriert ist. Seine 18 Elemente sind verstellbar. Selbst eine Senkung des vorderen Podiumsbereiches bis unter das Saalniveau wird machbar sein. Selbstverständlich ist, dass überall die neueste Regel-, Mess- und Steuertechnik auf der Grundlage der Mikroelektronik einziehen wird. Und hinter dem Podium? Dort sind die Bereitstellungsräume, die durch eine Brücke über die Eichenstraße mit dem Funktionsgebäude verbunden werden.“ Der Bericht schließt: “Soweit die neuesten Informationen über den Großen Saal unseres künftigen Hauses der Kultur am Erfurter Platz der DSF.“

Vom Loch zum neuen Hirschgarten

Der brachiale Bau kommt über den Rohbau nicht hinaus. Zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 sollte das Haus der Kultur übergeben werden. Die Wende verhinderte das. Danach fand sich keine Weiterverwendung des Rohbaus. Ab dem 29. Juli 1996 wird das im Volksmund „Schiffshebewerk“ genannte Stahl-Beton-Ungetüm auf Stadtratsbeschluss abgerissen. Es verbleibt die große Baugrube. In den Folgejahren gab es verschiedene Konzeptionen zur Neubebauung. Darunter ein Einkaufszentrum und eine Parkhausanlage mit Handelsflächen. Auch das neue Theater war an dieser Stelle geplant. Schließlich sprachen sich die Erfurter in einer Befragung gegen eine Wiederbebauung für eine Freiflächengestaltung, für eine Parkanlage aus. Im Juni 2007 wurde von der Stadt ein begrenzt offener freiraumplanerischer Realisierungswettbewerb ausgelobt, an dem über 100 Architekten beziehungsweise Landschaftsarchitekten teilnahmen. 25 Entwürfe kamen in die engere Wahl. Eine Jury entschied sich für den Entwurf der Berliner Landschaftsarchitekten Loidl, dessen Umsetzung der Stadtrat am 23. Januar 2008 beschloss. Zuvor wurde die verfüllte Baugrube mit einer Zwischenbegrünung im Rahmen des Wettbewerbs Entente Florale versehen. Erfurt erhielt dafür die Goldmedaille. Das westliche Wachhaus wurde mit Spenden und ehrenhalberen Bauleistungen wieder aufgebaut. Im Januar 2009 begann die Umgestaltung zur neuen Parkanlage, die am 20. Juni ab 12.00 Uhr mit einem bunten Programm festlich eröffnet wird. Dann endlich können die Erfurter ihren neuen Hirschgarten wieder beleben.

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