Der Titel Gewendet soll keine politische Wertung vorweg nehmen, er mag ironisch oder ernst genommen werden. Mindestens von beiden Seiten zeigt sich das neue Buch von Lutz Rathenow mit Harald Hauswald inhaltlich. Sind es zum Einen die mit persönlichen Erinnerungen und Anekdoten gespickten Kurzgeschichten des aus Jena stammenden Autors, wirken die fotografischen Zeitzeugnisse Harald Hauswalds, in denen er ganz unaufdringlich wie beiläufig den DDR-Alltag festgehalten hat, als ernstes Gegengewicht. Es handelt sich um ein Buch der ausgleichenden Gegensätze, das Lutz Rathenow im Rahmen der Veranstaltungsreihe Das politische Buch im Gespräch der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen in der Buchhandlung Peterknecht Donnerstagabend vorstellte.
Der in Berlin lebende Rathenow, der zu DDR-Zeiten wegen regimekritischer Töne verhaftet wurde und auf die Frage, ob er sich die DDR zurück wünsche trocken mit „ja, um sie noch einmal abzuschaffen“ antwortet und den Trabant für ein autoähnliches Fortbewegungsmittel hält, spart nicht an ironischen Spitzen, die er gern austeilt. Kurzweilig und unterhaltsam gestaltete er die Lesung zum Vergnügen der Zuhörer. Wie die Anekdote von Putzi, der Zahnpasta mit Bananengeschmack, die er so gern hatte als Kind und die als Bananenersatz dazu beitrug, dass ihn später die ersten echten Bananen enttäuschten, hatten sie doch nicht den Putzi-Geschmack. Rathenow kitzelt aus den DDR-Realitäten Absurditäten heraus, erzählt aus der Sicht des jungen Gideon von der Ostsee als flüssige Fortsetzung des FDGB, dem Zoll als Zauberer, der manchmal Zettel in die West-Pakete legte und den Menschen drohte oder vom Sand, der verrieselte beim Bau kühner Abgrenzungsprojekte in Form eines Walls um den Strandkorb. So lebendig wie Rathenow seine Geschichten vorträgt, vermag man sie selber fast nicht lesen zu können.
Die Texte und Fotografien der langjährig befreundeten Autoren sprechen jeweils für sich. Lutz Rathenow sagt über Harald Hauswald’s Bilder: „Es gelingt ihm, den Zufall zu fotografieren, der zwangsläufig erscheint“. Die schwarz-weiß Bilder des ebenfalls in Berlin lebenden freien Fotografen sind deutbar, weil sie nicht interpretieren. Man sieht pudelbemützte Kinder in Minipanzern auf einem Kirmeskarussell, einen Mann auf den Bauch liegend, der an einem Trabant werkelt, Menschen in der Warteschlange vor einem Lebensmittelgeschäft und immer wieder Straßenszenen. Den Bildern, die aus den 80er Jahren stammen, sind Fotoaufnahmen aus der Gegenwart gegenüber gestellt worden. Das Buch zeigt somit Alt und Neu, Früher und Heute, stellt Vergangenes und Zukünftiges zueinander. Rathenow und der Fotograf Harald Hauswald reflektieren ihre ostdeutsche Umwelt als osteuropäisch grundiertes Land.
Kritik mussten die Autoren für die Bildunterschriften einstecken. Insbesondere aus dem thüringer Raum wurden Kritiker laut, die darin Bevormundungen und Anmaßungen sehen. Rathenow erkennt: „Die kurzen Unterschriften laden zum Streit ein. Es ist uns nicht gelungen, in kurzer Form Sachinformationen zu vermitteln und nicht anmaßend zu wirken“. Rathenow reagiert in der ihm eigenen Art und will in der für 2007 geplanten Neuauflage die Bildunterschriften ändern und das Buch mit selbstklebenden Papierrechtecken ausstatten, damit sich jeder sein genehmes Buch zurechtzensieren könne, denn „Ost- und Westausgaben können wir ja nicht wieder einführen“, konstatiert Rathenow.
„Ich komme selten mit einem Buch allein. Das wäre zu langweilig“, leitete der in Jena geborene Lutz Rathenow seine Lesung ein. Um nicht immer an die DDR-Bedingungen denken zu müssen, schreibt er auch Kinderbücher und Lyrisches. Im Gepäck hatte er deshalb sein neuestes Kinder-Bilderbuch „Tag der Wunder“, das der in Erfurt lebende Frank Ruprecht illustrierte und Anfang 2007 erhältlich sein wird. Rathenow stellte außerdem sein Kinderbuch „Ein Eisbär aus Apolda“ sowie die dritte Auflage seines 1987 erschienenen „Ost-Berlin“ Buch vor.
Hierzu passt der Artikel Bilder, die Grotesken entlarven auf kAyTIKEL.
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