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Text- und Fotoarchiv für Erfurt von Susanne Kay

Aufgespielt und ausgesetzt

Pünktlich zum 30. Jahrestag der Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR hat die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen die 55-seitige bebilderte Gra­tisbroschüre „Wolf Biermann 1976: Die Ausbürgerung und ihre Folgen“ herausgegeben. Der stellvertretende Geschäftsführer der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin, Dr. Robert Grünbaum, fasste darin die Ereignisse vor und nach der Ausweisung Bier­manns zusammen. Donnerstagabend stellte der Autor sein Werk im Rahmen einer Podiums­diskussion in der Stadtbibliothek vor.

Robert Grünbaum mit Lutz Rathenow (v. li.)

Die Biermann-Aktivisten und Schriftsteller Lutz Rathenow aus Berlin und die aus Emleben stammende Gabriele Stötzer stellten sich als Zeitzeugen den Fragen der etwa 65 Anwesenden. Der Erfurter Musiker Gerd Krambehr begleitete den Abend musikalisch: „Beiß den Arsch und die Zähne ganz fest zusammen“, heißt es in einer Liedzeile. Das könnte sich auch Wolf Bier­mann gedacht haben, nachdem ihm nach seinem legendären Konzert in Köln vor 6500 Zuschauern die Wiedereinreise in die DDR verwehrt wurde. Das SED-Politbüro fasste den Ausbürgerungsbeschluss drei Tage nach seinem „feindlichen Auftritt“ am 16. November 1976. Biermann befand sich gerade auf der Autobahn im Ruhrgebiet und hörte die Nachricht im Autoradio. Schon seit 1971 plante das DDR-Regime, sich des unbequemen Dichters und Liedermachers zu entledigen. Der 1953 aus Hamburg in die DDR Übergesiedelte war zwar als überzeugter Kommunist für den Sozialismus, kritisierte aber die Politik der DDR-Regie­rung und trat für bessere Verhältnisse, für einen besseren Sozialismus innerhalb der DDR ein. Das Gefängnis blieb ihm aufgrund seiner Popularität erspart. Ab 1965 wird er jedoch mit einem Auftritts- und Publikationsverbot belegt. Das kann den Dissidenten nicht zum Schwei­gen bringen. In seiner Wohnung spielt er weiterhin vor Besuchern. Längst ist Wolf Biermann zum „Problem“ für die Republik geworden. Ein Staatsfeind.

Das Konzert Biermanns in der Kölner Sporthalle diente letztlich nur als Aufhänger für seine Ausbürgerung. Tatsächlich verteidigte Biermann sogar die DDR bzw. die Idee des Kommu­nismus, wenngleich er nicht abließ, die SED kritisch ins Visier zu nehmen. Das Konzertmotto „Ich möchte am liebsten weg sein und bliebe am liebsten hier“ macht Biermanns Ambivalenz zum Staat deutlich. Dass er ab sofort weg sein würde gegen seinen Willen, ahnte er noch nicht, als er unter dem tosenden Beifall seines Publikums von der Bühne ging. Die „Bühne DDR“ würde er erst nach der Wende wieder betreten können.

Da stand er nun vor den Mauern des Arbeiter- und Bauernstaates, in den er als 17-Jähriger freiwillig kam und gefällig aufgenommen worden war. Er hatte aufgespielt und ist ausgesetzt worden. Mit „vom Regen in die Jauche“ gekommen kommentierte er seinen Rauswurf. Nur einen Tag nach der Zwangsausbürgerung solidarisieren sich 13 Berliner Künstler mit Wolf Biermann. In ihrer schriftlichen Resolution protestieren sie gegen die Ausbürgerung und bit­ten darum, sie rückgängig zu machen. Namhafte Künstler wie Christa Wolf, Jurek Becker oder Stephan Hermlin unterschrieben den Protest. Erstmals in der Geschichte der DDR erfuhr der Staat einen kollektiven Widerspruch. Über 100 Künstler schlossen sich in den folgenden Tagen dem Protest an. Darunter die Schauspieler Manfred Krug und Katharina Thalbach, die Sängerin und Ziehtochter Biermanns Nina Hagen oder der Maler Jürgen Böttcher. Die SED wehrt sich mit parteitreuen Medienkampagnen und sendet Werner Lambertz als Vermittler aus. In der Wohnung von Manfred Krug kommt es zwischen Angelica Domröse, Christa Wolf, Jurek Becker, Heiner Müller u. a. und dem ZK-Sekretär zum Streitgespräch, das Man­fred Krug heimlich aufzeichnet! Eine Einigung kam nicht zustande. Die intellektuellen Oppo­sitionellen nahmen ihre Forderungen nicht zurück. Die Parteispitze beginnt nun mit Diffamie­rungen, Bedrohungen der Existenz und fordert die Protestsymphatisanten auf, das Land zu verlassen. Unter dem starken Druck ziehen viele Unterzeichner ihre Unterschrift zurück. Viele bedeutende Künstler verlassen das Land: Manfred Krug, Jurek Becker, Reiner Kunze oder Sarah Kirsch. In zehn Jahren verlassen über 350 Künstler die DDR.

Robert Grünbaum beschreibt die Ausbürgerung Biermanns als ein Stück Anfang vom Ende, den Beginn einer Opposition, die 1989 die Wende vorbereitete. Nicht nur die Intellektuellen, die namhaften Künstler, protestierten. Im ganzen Land weiteten sich Proteste aus. War Bier­mann zunächst nur Insidern bekannt, war er nun zum Tagesgespräch und erst recht populär geworden. Es wurden Unterschriften gesammelt, Parolen zierten Wände, Biermann-Mittschnitte wurden gespielt. Die SED sah sich mit kritischen Unmutsäußerungen konfron­tiert. Nicht wenige Aussätzige sperrte man wegen „Staatsverleumdung“ ins Gefängnis. Im Zuge der Reformpolitik Michail Gorbatschows fanden sich mehr und mehr Oppositionelle zusammen. Die Widerstandsbewegungen fanden in den Herbstdemonstrationen des Jahres 1989 ihren Höhepunkt bis am 9. November 1989 die SED und mit ihr die Deutsche Demo­kratische Republik fiel.

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